Grenzenlos

Voller Vorfreude deckte er den Tisch. Dunkelrote Rosen auf weißer Damasttischdecke, das sah einfach edel aus. Die Servietten und Kerzen, die im silbernen dreiarmigen Leuchter standen, passten farblich zu den Blumen. Das Porzellan, das Besteck und die Kristallgläser harmonisierten mit allem. Aus der Küche zog ein köstlicher Bratenduft durchs Wohnzimmer. Nun musste Kai sich nur noch um die Soße kümmern, dann war das Festmahl fertig. Salzkartoffeln und Rotkohl würde es als Beilage geben.
„Was soll ich dir denn kochen?“ hatte er Angela gefragt.
„Ach Schatz, ich lasse mich doch so gern überraschen!“
„ Ich denke mir etwas aus.“
Beim Abschied flüsterte er ihr ins Ohr: „Ach, Liebste, wie sehr du mein Leben bereicherst. Unser Gedankenaustausch, ohne Versteckspiel, so voller Vertrauen und unser herzhaftes Lachen. Es ist wundervoll mit dir!“

Lächelnd, in Gedanken versunken, bereitete er nun den Nachtisch zu. Eine Zitronenspeise, nicht einfach aus der Tüte mit künstlichen Aromen, sondern aus echten Zitronen. Er hatte extra frische Eier auf dem Markt gekauft, damit der Eischnee auch wirklich fest wäre, wenn er ihn unter die sämige Masse ziehen würde. Auf einem kleinen Nebentisch stand schon eine geöffnete Flasche Rotwein, damit der edle Tropfen atmen konnte. Oh ja, er wusste, wie sehr er sie mit seinen Kochkünsten beeindrucken konnte. Das schmeichelte ihm natürlich sehr. Sie waren sich beide bewusst, wie erotisch ein gemeinsames Essen sein konnte. Wie der Bissen zwischen die leicht geöffneten Lippen geschoben wird. Das langsame genussvolle Zerkleinern, das Reizen der Geschmacksknospen und als Krönung die Zunge, die über die Lippen gleitet. Ja! Das hatte etwas! Ob er die Kerzen schon anzünden sollte? Ein Blick auf die Uhr – nein ein paar Minuten wollte er noch warten, dann würde sie hier sein.

Zierliche Sandalen ließen sie leichtfüßig auf dem Fußweg entlang schreiten, ohne ein Geräusch zu hinterlassen. Der fließende Stoff ihres bodenlangen, leicht transparenten weißen Kleides ließ bei jedem Schritt die Konturen ihres feingliedrigen Körpers erahnen. Die festen Brüste wippten ganz sacht im Takt. Sie war sich ihrer Wirkung voll bewusst und genoss es, wenn sehnsüchtige Augen sie betrachteten. Ein Lächeln glitt über ihr ebenmäßiges Gesicht, als ein junger Mann mit leicht geöffnetem Mund verzückt den Liebreiz dieses engelhaften Wesens bestaunte. Er hupte kurz, als er mit seinem offenen Cabrio an ihr vorbeifuhr. Sie schüttelte spielerisch ihre langen blonden Haare.
„Bist du eigentlich eifersüchtig?“ hatte Kai sie einmal gefragt.
„Nein, warum sollte ich? Niemand gehört dem anderen. Ohne Freiheit ist keine Liebe möglich. Wenn das Vertrauen nicht da ist, geht gar nichts.“
Ein Wohlgefühl ließ Angela tief durchatmen. Ja, diese Freiheit brauchte sie und dieses Vertrauen. Der Gedanke, sich in wenigen Augenblicken an ihren Liebsten schmiegen zu dürfen, sich umschlingen und zu berühren, versetzte sie in Hochstimmung.

„Geliebter Kai, wenige Minuten noch, dann bin ich bei dir!“ flüsterte sie.
Zwei Wochen Trennung, schmerzhaft für Liebende. Sie wollte ihr Begehren ausleben. Es würde, wie bei jeder ihrer Begegnungen, leidenschaftlich und erfüllend sein. In diesen erotisierenden Gedanken versunken übersah Angela, dass die Ampel auf Rot stand. Bei dem Zusammenstoß mit dem Auto wurde sie hochgeschleudert und zurück auf die Straße geworfen. Regungslos, mit leicht verdrehten Gliedern blieb sie liegen, zum Entsetzen der Passanten, die den Unfall beobachtet hatten. Ihr Kleid lag wie ein geöffneter Fächer um ihren Körper, als hätte es jemand extra so arrangiert. Etwas Dunkelrotes schien auf dem weißen Stoff des Kleides eine Rose sprießen zu lassen. Reifen quietschen, da der nächste Auto-Fahrer nur durch eine Vollbremsung verhindern konnte, die Verunglückte zu überfahren. Es hörte sich an wie ein Schrei. In genau diesem Moment glitt Angela aus ihrem Körper. Sie verstand erst nicht, wieso sie sich dort liegen sah. Wie märchenhaft es doch anmutete, das weiße seidige Kleid auf dem schwarzen Asphalt. Warum war auf dem Kleid jetzt eine rote Rose zu sehen? Was war denn nur passiert? Plötzlich hatte sie eine Ahnung davon, was mit ihr geschehen war. Sie fühlte sich so wunderbar leicht und glücklich.

Kai zündete die dunkelroten Kerzen an und schaute immer wieder auf die Uhr.
„Engel, nun müsstest du doch endlich kommen. Liebste, lass mich nicht so lange warten!“ setzte er noch leise hinzu. Kaum hatte er die Worte gesprochen, da befiel ihn ein unsagbarer Schmerz, der sein Herz zu zerreißen drohte. Schlagartig wusste Kai, dass seiner Angebeteten etwas passiert sein musste. Gerade wollte er seine Jacke von der Garderobe reißen, als er einen zarten Hauch an seiner Wange verspürte.
„Geliebter, wie glücklich du mich gemacht hast. Nie begegnete ich einem Menschen wie dir. Ich möchte dir danken“, flüsterte Angela, als sie ihn ein letztes Mal in ihre Arme nahm.
Kai erstarrte in seiner Bewegung, er spürte sie derart intensiv, obwohl er sie nicht sehen konnte. Nun wurde zur Gewissheit was er schon ahnte, es war etwas Furchtbares passiert! Zarter Rosenduft hüllte ihn ein, als er ihre Stimme, dicht an seinem Ohr vernahm: „Alles Getrennte findet sich wieder.“

Traum – haft

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Ich liege auf einer Blumenwiese.

Roter Mohn, weiße Margeritten und blaue Kornblumen blühen im satten Grün um die Wette. Zitternde Gräser wiegen sich im lauen Sommerwind.

Die Sonne strahlt aus azurblauem Himmel hernieder. Kiebitze landen auf der Wiese, um ihre Jungen zu füttern. Vielfarbige Schmetterlinge scheinen Ringelrein zu spielen. Eine große, blaue Libelle schwirrt mit ihren filigranen Flügeln in Richtung See.

Ich höre die Frösche quaken und sehe im Geiste die samtigen, braunen Pompesel am Rande des Ufers stehen. Ein Schwarm Kanadagänse setzt gerade zur Landung an.

Natur- unbezahlbar – und ich mittendrin!