Laufversuch

Meine Lieblingsstrecke zum Spazieren gehen und Fahrrad fahren beträgt fünf Kilometer insgesamt, sie führt an einem kleinen Fluss entlang. Der erste Kilometer des schmalen Weges ist asphaltiert, daran schließt sich ein fester Sandboden an. Links und rechts befinden sich Grasflächen, auf denen im Sommer Kühe weiden, Bäume und Büsche säumen den Weg im Wechsel mit Weidezäunen. Nach der Hälfte der Strecke erwartet mich ein großer See, auf dem sich Enten und mitunter sogar Schwäne aufhalten. Sie schwimmen meistens in der Mitte des Sees, weil im Sommer die Kinder darin baden und ganzjährig Hunde, deren Besitzer Stöckchen ins Wasser werfen, damit die Vierbeiner hinterher springen. Ein beliebter Ort, um die Hunde von der Leine zu lassen, damit sie sich austoben können. Außerdem sind hier immer Spaziergänger, Fahrradfahrer, Läufer und Walker unterwegs, um diese wundervolle Strecke zu genießen und sich körperlich ein wenig zu ertüchtigen.

Insgeheim bewunderte ich diese sportlichen Menschen, die diesen Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen haben. Das hätte ich auch gern! Einige Male habe ich in der letzten Zeit einen Versuch unternommen und bin eine kurze Strecke gelaufen, schwerfällig, steif und ungelenk kam ich mir vor. Auf dem Sandboden lief es sich wesentlich angenehmer, als auf dem Asphalt. Allein schon dieses Knirschen bei jedem Schritt löst ein besonderes Gefühl aus. Ich richtete meine Schnelligkeit automatisch nach diesem Geräusch, das mir irgendwie beruhigend und harmonisch erschien, wie eine Melodie, die zum Tanzen auffordert. Eigenartige Gedanken und Empfindungen – ungewohnt, aber sie gefielen mir.

Beim dritten Mal ging es alles schon wesentlich besser, und ich hatte einen winzigen Einblick in das Erleben der Laufenden. Ich keuchte, der Hals brannte, weil ich mit offenem Mund geatmet hatte, die Zunge schien festgeklebt zu sein, so trocken lag sie am Gaumen. Der Schweiß trat aus jeder Pore, mein T-Shirt klebte mir am Rücken, von der Stirn suchten sich die Schweißperlen ihren Weg über die Wangen und den Hals hin zum T-Shirt. Eine verfing sich in meinen Wimpern und fand in meinem Auge ihr Ende, was fürchterlich brannte. Aber das war schnell vorbei, geschahen doch ganz andere, wichtigere Dinge mit mir. Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: „mit jedem Schritt eine Lebensminute geschenkt bekommen“. Ja! Das war realistisch, ist es doch erwiesen, dass Sport gesund erhält.

Auch dieses Mal geschah etwas Faszinierendes, ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ich bin gelaufen! Ich habe einen Versuch unternommen! Was für ein Erlebnis! Mein keuchender Atem wurde gleichmäßiger, die eingeatmete Luft fühlte sich ganz anders an als vor dem Lauf, viel frischer und reiner. Mein Brustkorb schien doppelt so groß zu sein, soviel Platz hatte ich plötzlich da drinnen. Etwas für meine Gesundheit getan zu haben, war ein derart gutes Gefühl. Ich war voller Freude, meine Glieder erschienen mir jetzt wendiger, wenn auch die Fußgelenke schmerzten, weil ich keine Turnschuhe trug. Das sollte ich beim nächsten Mal bedenken, denn es wird ein nächstes Mal geben…

Veröffentlichung 2009 im LAUF:GENUSS  (Anthologie v. Marten Petersen)

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